Am 10. November 1938 wurde die Synagoge in Neckarbischofsheim zerstört. Von Samuel Jeselsohn, der mehr als 25 Jahre Vorstand der israelitischen Gemeinde war, gibt es über die Ereignisse genaue Aufzeichnungen. Genau 79 Jahre später verlegte der Künstler Gunter Demnig 15 Stolpersteine vor den Häusern derer, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten, in Lager deportiert oder in Gaskammern umgebracht wurden.

"Es ist ein Anfang", meinte Walter Zeller vom Verein für Heimatgeschichte, als Demnig die ersten beiden Gedenksteine vor dem Haus in der Waibstadter Straße 15 für Dr. Georg und Marie Hamburger in den Gehweg einließ. Gemeinsam mit Schülern des Adolf-Schmitthenner-Gymnasiums, der Projektgruppe "Judentum im Kraichgau" der Realschule Waibstadt, dem SPD-Ortsverein und dem Verein "Jüdisches Leben im Kraichgau" hatte man vor fünf Jahren dieses ambitionierte Projekt gestartet. Was folgte, war eine umfassende Recherche der jüdischen Bevölkerung in Neckarbischofsheim, die zum großen Teil bereits von Peter Beisel aufgearbeitet worden war.

"Bürgermeisterin Tanja Grether und der Gemeinderat haben die Stolpersteine von Beginn an unterstützt. Auch weil wir so behutsam mit dem Thema umgegangen sind", dankte ASG-Projektleiter Georg Werner der Verwaltung in der anschließenden Gedenkstunde in der Zehntscheune.

Und er dankt auch den Spendern und Paten dieser Gedenksteine, die damit ein positives Zeichen gesetzt hätten. Zwei Ausstellungen mit Biografien der "jüdischen Mitbürger" und eine Darstellung des bis zum Jahr 1938 fast immer noch harmonischen Zusammenlebens im Ort hatten für reges Interesse gesorgt. Und dieses Interesse ist noch gestiegen, wie man erfährt, wenn man mit den Bürgern ins Gespräch kommt, die das Projekt durchweg loben.

In der Hauptstraße 36/38 kniete der 70-jährige Künstler und schien nichts zu hören oder zu sehen. Und das obwohl zahlreiche Gäste sein "Handwerk" verfolgten. Wenn man Demnig zuhört, scheint es fast eine Mission für ihn zu sein. Dort, wo Gestapo, Wehrmacht oder SS gewütet haben, möchte er den Opfern ihre Namen und ihre Würde zurückgeben. Er zersägt mal eine Gehwegplatte, stemmt Pflastersteine heraus, hantiert mit Schlagbohrer und Kelle, mit Beton und Kies.

Während Demnig die sieben glänzenden Quader für die Familie Wolff mit einem Taschentuch vorsichtig säuberte, hauchten die Schüler den in Messing geschlagenen Daten Leben ein: Ernst Wolff war Fußballer beim TSV, kämpfte im Ersten Weltkrieg und war im Synagogenrat. Ihm gelang die Flucht in die USA. Die Stolpersteine erinnern dabei an den Ort, wo die Opfer einmal als Nachbarn, Freunde und Vereinskameraden gewohnt haben. Fast 63.000 Stolpersteine in 20 Ländern hat Gunter Demnig bereits verlegt. Seine Termine sind lange vorher ausgebucht. Trotz der großen Anzahl: Jede Messingplatte ist ein handgearbeitetes Unikat. Buchstaben und Zahlen werden einzeln mit Muskelkraft eingeschlagen.

"Jeder Stolperstein wird zum Andenken an einen Menschen, und längst vergessen geglaubte Namen kehren an die ehemaligen Wohnstätten zurück", so Demnig. So auch Abraham Jakobsohn in der Hauptstraße 47/49, dessen Familie seit 1758 in "Bischesse" lebte. Er starb im Vernichtungslager Sobibor, als 82-Jähriger. Auch für seinen Bruder David und dessen Frau Bertha, die ebenfalls in Sobibor ums Leben kamen, wurden zwei Stolpersteine in der Alexandergasse verlegt. "Das eigentliche Wohnhaus steht aber hier nicht mehr", erklärte Walter Zeller.

Zu jenen, die plötzlich verschwanden, gehörte die Familie Katzengold. Nathan, Raisa und Elfriede führten ein eher ärmliches Leben in der Alten Rathausgasse und sind wahrscheinlich im Zuge der "Polenaktion" abgeschoben worden, hörte man von den Schülern. Die Erforschung der Biografie der Opfer und das Auseinandersetzen mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Historie sei ein wichtiger Teil des Projekts Stolpersteine, hoben die Initiatoren hervor.

Die Stolpersteine sollen die Erinnerung an diese Toten lebendig halten und Teil der Stadtgeschichte werden. Gerade nicht in Form von großen Mahnmalen, sondern in der Alltagskultur auf Schritt und Tritt sichtbar sein. Demnig will sie gerne alle würdigen, mit dem, was er das "größte dezentrale Mahnmal der Welt" nennt - ein Mammutprojekt gegen das Schweigen. Neckarbischofsheim ist nun nach Neidenstein und Waibstadt der dritte Ort in der Region, der diese Art der Erinnerung fördert. "Und es sollen nicht die letzten Stolpersteine sein", so hofft die Projektgruppe.

Foto: Berthold Jürriens